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Tatort Schwarzwald: Goldbach

„Endlich ein Tatort aus dem Schwarzwald“, werden einige gedacht haben.
Ich hoffte auf einen spannenden Tatort und wurde einmal mehr enttäuscht.

Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner geben als Franziska Tobler und Friedemann Berg unter der Regie von Robert Thalheim ihren Einstand. Zur Abwechslung werden die neuen Kommissare nicht mühsam und dramatisch vorgestellt, sondern dürfen geradewegs ermitteln.

Es ist Winter, im Schwarzwald liegt Schnee. Ein Mädchen wird erschossen aufgefunden, ein Junge vermisst, das dritte Kind taucht wieder auf. Wer hier die Hoffnung auf ein verworrenes Drehbuch hat, sollte sofort abschalten und ein Buch aufschlagen.

Die Musik von Uwe Bossenz und Anton Feist berührt anfangs, am Ende des Tatorts ist sie praktisch verschwunden, was schade ist. Wer Dialekt erwartet, wird nicht befriedigt. Die Bildsprache hingegen gefällt: kaltes Blau, Braun und die Weite des Schwarzwalds sind wunderbar gefilmt. Gegen Ende des Tatorts gibt’s ein bisserl Luftaufnahmen, Dialoge, die an ein drittklassiges Kammerspiel erinnern mögen und eine Staumauer. Leider spielt diese keine grosse Rolle, was Herrn Tschechow ebensowenig befriedigt wie mich.

„Was Sie sich wünschen, das geht nicht“, sagt der Kommissar zu einem der trauernden Väter.
Wir Tatort-Fans wissen das. Trotzdem schauen wir Sonntag für Sonntag.

Wenn am Ende des Films eines der Kinder „Frieda und ich wollten doch nur spielen“, sagt, und die Kommissare in der letzten Einstellung ebenfalls auf Scheiben zielen, ist uns allen klar: Das war nicht das Ende.

Tatort Frankfurt: Das Haus am Ende der Strasse

Harte Kost. Das war dieser letzte Tatort mit Joachim Krol als Steier auf jeden Fall.

Steier ist alkoholabhängig und kaputt. Nach dem Tod eines Mädchens seilt er sich ab. Feige? Ist er sich seiner absoluten Unfähigkeit bewusst?

Vom Gerichtssaal schweifen wir ab an einen Tatort. Drei Menschen brechen in eine Villa ein. Die Junkie-Frau schlägt ein Bild ihres Peinigers zu Bruch. Sie pisst drauf. Der Peiniger taucht wider Erwarten auf und bedroht sie. Er wird nieder geschlagen oder getötet. So genau interessiert das hier niemanden.

Krol findet sich wieder in einer Szene mit den drei Einbrechern und einem bärtig-zotteligen Achim Rohde. Dieser ist auf einer Art einsamer-Rächer-Trip unterwegs. Achim Rohde ist überhaupt, neben dem still leidenden Krol, der Held dieses Tatorts. Ihm möchte man zusehen, wenn er spricht, sinniert und Menschen gegeneinander ausspielt oder gar anschiesst.

Am Ende scheint die Rechnung aufzugehen: Die Liebenden entkommen (für kurze Zeit) der Hölle. Krol sitzt im Gerichtssaal und grinst. Abspann läuft.

Ich werd Krol im Tatort herzlich vermissen. Verdammte Scheisse.

Tatort Wiesbaden: Im Schmerz geboren

Wer auf flache, langweilige und anspruchlose Tatorte abfährt, wurde heute abend denkbar schlecht bedient.

Ulrich Tukur mag man in seiner Rolle als Murot lieben oder hassen, aber das Drehbuch von „Im Schmerz geboren“ nicht. Es ist eine Sammlung von Filmzitaten, von „High Noon“ über „Silence of the Lambs“ über „Breaking Bad“ und „Twin Peaks“ und vielen anderen mehr.
Ulrich Matthes geht in seiner Rolle als leidenschaftlich-missverstandener Bösewicht auf. Seine schwarzen Augen, die elegante Ankleide tun den Rest. Zwischen den beiden Männer flammt eine unterschwellige, längst vergessene Leidenschaft zu einer Frau auf.
Wir verfolgen Erschiessungen. In Anbetracht der heutigen Schreckensbilder sind sie nicht mehr wirklich schlimm. Regisseur Florian Schwarz schafft es trotzdem, dass wir bei jedem einzelnen Schuss zusammen zucken.

Wir fiebern mit. Die Stimmung hat was von Kenneth Brannaghs enthusiastischen Shakespeare-Verfilmungen, nur ohne erhobenen Zeigefinger. Die 40er Jahre. Sehr Berlin, nur jetzt im Saarland. Wiesbaden. Wie unerotisch.
Ich erkenne Felix von Manteuffel. Anatole Taubmann. Und schliesslich immer wieder Alexander Helds warme Stimme als Erzähler. Sie begleitet den Zuschauer durch alle Untiefen.
Die Bildsprache scheint essentiell. Die warmen Farben. Stopp. Die wie auf Leinwand gemalten Bilder. Man wähnt sich in einem
Gemälde.

„Im Schmerz geboren“ werd ich wohl einige Male sehen müssen, um ihn zu verstehen, zu sehen und zu geniessen. Fünf von fünf Zigarettenspitzen.

Nachtrag
Lieber Herr Tukur, ich bin 37. Aber danke. Ich hab Sie auch lieb.
#tatortshow

Tatort Graz: Paradies

Der erste Tatort nach der unsäglichen Sommerpause stammt aus Graz und das ist gut so. Einen langweiligen Luzerner Tatort hätte ich heute abend wohl nicht einfach so überstanden.

Was man dem österreichischen Tatort einfach zugute halten muss, sind die tollen Dialoge zwischen Bibi und Eisner. Ganz im Ernst: da merkt man, die Leute, die das geschrieben haben, stecken nicht mit einem Bein im Sarg.

Ganz anders die Protagonisten des heutigen Krimis, Gertrud Roll als Helene, Peter Fröhlich als Horst und allen voran: Peter Weck als Paul Ransmayr. Sie sind allesamt Rentner in einem mehr als fragwürdig ekelhaft eingerichteten Seniorenheim. Wenn man diese alten Menschen in ihrem dunkeln Wohnräumen sitzen sieht, kriegt man Mitleid und fragt sich, warum die nicht längst eine Revolution ausgerufen haben.

Insgeheim haben sie schon lange angefangen zu rebellieren: Die Bewohner des Heims schmuggeln nämlich Medis beziehungsweise Crystal Meth über die ungarische Grenze. Aus diesem Grunde mussten nämlich schon Bibis Vater ganz und später der pensionierte Kollege Sommer fast ins Gras beissen.

Peter Weck ist für einmal in einer seit langer Zeit ungewohnten Rolle zu sehen. Er spielt keinen braven Familienvater, sondern einen alten Mann, der zu allem bereit ist, um seine letzten Träume zu erfüllen.

„Paradies“ hört denn auch nicht mit Glockengeläut und Handschlag auf. Nein. Das Ende ist blutig und verzweifelt und passenderweise in Zeitlupe.
Davon will ich mehr.

Tatort Köln: Ohnmacht

Wer ans Gute im Menschen glaubt, ist mit dem heutigen Tatort aus Köln schlecht bedient. Gleich zu Anfang werden wir Zeugen, wie Ballauf in eine Schlägerei in der U-Bahn läuft und versucht, zu schlichten. Ohne Erfolg. Das Opfer wird krankenhausreif geschlagen, stirbt kurze Zeit später, und Ballauf vor die U-Bahn geschmissen. Nach fünf Minuten Tatort sitzt man total geschockt da.

Die jugendlichen Schläger sind schnell gefunden. Es wird einem übel, wenn man sie so reden hört. Ein junger Mann und eine junge Frau werden verdächtigt, mit der Sache etwas zu tun zu haben. Unser aller Ballauf, der so heldenhaft versucht hat, das Opfer zu retten, wird von den Jugendlichen als alkoholisiert beschrieben. Sein Renommée ist dahin. So schnell kanns gehen im schönen Köln.

Wir erfahren mehr über die Elternhäuser der beiden jungen Menschen. Der junge Mann ist gewalttätig gegen seinen alleinerziehenden, kettenrauchenden Vater, sensibel gespielt von Sebastian Rudolph. Die junge Frau hingegen wirkt wie eine Prinzessin in einer eigens für sie kreierten Welt. Ihre Mutter stolpert wie ein sedierter Zombie um sie herum und liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Der Vater hingegen scheint realistischer zu sein. Felix von Manteuffel spielt den Vater, der das Monster in seiner Tochter erkennt, mit einer unnachahmlichen Mischung aus Gutmütigkeit, Entsetzen und – Ohnmacht.

„Ohnmacht“ endet zuerst so, wie man sich Verfahren gegen jugendliche Straftäter vorstellt. Das bittere Ende hingegen entsetzte sogar mich. Andreas Knaup ist ein heftiges Drehbuch gelungen, welches herausragend von Thomas Jauch umgesetzt wurde.

Ein wirklich sehenswerter Tatort aus Köln.

Tatort Luzern: Zwischen zwei Welten

Zunächst einmal die gute Botschaft: Dank des neuen Tatorts aus dem heimeligen Luzern wissen wir jetzt, dass native Schweizer super fluchen, schreien, kotzen und Bier saufen können – je nach Alkpegel sogar gleichzeitig.

Die etwas weniger gute Nachricht ist, dass der Tatort aus Helvetien nach all den Jahren noch immer bleiern, verstaubt und vor allem uninteressant daherkommt. Dabei wäre die Ausgangslage so vielversprechend gewesen:

Eine rothaarige Frau wird tot aufgefunden. Sie hat 3 Kinder von 3 (in Worten: drei) unterschiedlichen Vätern. Das ist fürs Schweizer Mittelland und eine etwas verschlafene Stadt wie Luzern ein einigermassen hoher Wert. Aber ich schweife ab.

Unsere Tote hat sehr interessante Ex-Männer. Einer davon ist ein etwas gruseliger Mike-Shiva-Verschnitt, ein anderer ein schicker Hipster mit rotem Bart und ergrautem Brusthaartoupet, der dritte ein engagierter Anti-Feminist. Letztere sind in der schönen Schweiz nicht so selten, wie man vielleicht denken mag, denn irgendwer war ja schliesslich früher gegen das Frauenstimmrecht.

Umso schwerer wiegt die Entscheidung des Opfers, mit Kind, Kegel und schlechter Synchro nach Indien auszuwandern.

Unser Kommissar, gespielt von Stefan Gubser, der mit Verlaub noch immer zu den ansehnlicheren Schweizer Männern gehört, lebt gerade eine Post-Midlife-Crisis durch. Dementsprechend unrasiert marschiert er durch den Film und wir bangen immer wieder mal ein wenig, aber nicht zuviel, um seine psychische Ausgeglichenheit.

Natürlich mag ich Ihnen die Auflösung nicht verraten. Nur so viel: Sie verpassen nicht viel, wenn Sie diesen Tatort nicht schauen. Lesen Sie mal wieder ein Buch, gehen Sie mit dem Hund raus oder schenken Sie Ihrem Lebensabschnittbegleiter unerwarteterweise einen anständigen Blowjob. So ist uns allen geholfen und wir sparen sogar noch etwas Strom.

Tatort Köln: Der Fall Reinhardt

Der Tatort beginnt erst mit ein paar Schockbildern: Kinderleichen in Betten nach einem Brand. Der gute Appetit auf einen lustigen Fernsehabend vergeht einem schnell.

Von Anfang an wartet man (ich) auf Ben Becker. Schliesslich spielt er Gerold, den Vater der toten Kinder und Ehemann der Frau, die dem Feuer entkam. Susanne Wolff spielt Frau Reinhardt mit einer derartigen Intensität, dass man nie weiss, ob man mitleiden oder sie wachrütteln soll. Es ist unerträglich, die Mutter der toten Kinder so leiden zu sehen.

Natürlich scheint von Anfang an klar, dass Ben Becker nur einen Bösewicht spielen kann. Seine Haut ist zu bleich, sein Blick zu unstet. Behrendt und Bär spielen Ballauf und Schenk. Gerecht. Engagiert. Aber Beckers faltiges, dunkles Gesicht dominiert.

Gerold lebt ein Doppelleben. In Holland hat er ein neues Leben mit einer jüngeren Frau aufgebaut. Sie ist schwanger. Alles scheint klar.

Die Auflösung ist alles andere als banal. Sie tut weh wie ein Schnitt in den kleinen Finger und zeigt auf, wie brutal das Leben wirklich ist.

Tatort Leipzig: Frühstück für immer.

Dass Frauen ü40 kein einfaches Leben haben, war klar. Dank Tatort erfahren wir nun endlich, wie es wirklich aussieht.

Die Geschichte ist wie immer verworren und gleichzeitig einfach. Da stirbt eine Frau ü40. Die hat eine Tochter. Die Tochter hat einen Mann. Einen richtigen. Und dann ist da noch dieser Schönheitschirurg, der ein Faible für SM hat (oder das, was man bei der ARD dafür hält). Der hat eine Frau, die gerne unter ihrem Trenchcoat in Reizunterwäsche herumläuft. Aber ganz keusch. Schliesslich ist ja noch nicht mal 21.30.

Wieder einmal ermitteln Saalfeld und Keppler. Simone Thomalla ist gewohnt nachdenklich-neutral, was nicht nur am Thema, sondern auch an ihren stillgelegten Gesichtsnerven liegt. Keppler? Ja. Der war auch mit dabei. Irgendwie.

Ja. Frauen ü40 wollen Sex. Harten Sex. Und manchmal sterben sie dabei. Schliesslich ist das hier ein Krimi und kein Kindergeburtstag.

Tatort Wien: Abgründe

Die Tatorte aus Wien kann man lieben oder hassen.
Wer sie hasst, tut es meistens aus einfachen Gründen: Bibi Gfellner.

Was einem in „Abgründe“ an Spannung, Bildeinstellungen des herrlich verschneiten Wien und wortwitzigen Dialogen geboten wird, sucht seinesgleichen. Waren die Tatorte der letzten Wochen langatmig, mühsam und klebrig, so sticht dieser heute Abend heraus.

Adele Neuhauser spielt ihre Bibi aufrecht und zäh, während Harald Krassnitzer dem alternden Schatzi Eisner Stimme, Herz und Bauch verleiht. Die beiden versuchen den Tod einer ehemaligen Kollegin aufzulösen. Sie geraten dabei auf die Spur eines Pädophilen-Netzwerks.

Regisseur Sicheritz setzt das Drehbuch von Uli Brée subtil und stilsicher um. Das kalte Wiener Weiss und Krassnitzers blaue Augen harmonieren. Es läuft einem eiskalt den Rücken runter.

Man mag dem Tatort aus Österreich gönnen, dass es so noch lange weiter geht. Ich wollte, in der Schweiz gäbe es einen vergleichbaren Macher wie Sicheritz, der mit der nötigen Respektlosigkeit UND Kreativität an die Arbeit geht.

Tatort Hamburg – Tod auf Langenoog

In längst vergangenen Zeiten, als noch unser aller Stoever und Brocki in Hamburg ermittelten, war alles so harmonisch. So süss. Alles war gut.

Jetzt wirkt der Falke.
Alles ist anders. Sogar mit Hipstern müssen wir uns rumschlagen. Das ist nicht lustig.

Diese Tatort-Folge ist nicht per se schlecht.
Ich würde allerdings behaupten, dass wir es hier mit einem sogenannten Photographen-Tatort zu tun haben. Sie wissen schon, diese Jungs, bärtig, die Mädels bebrillt, begeistert und unverstanden.

Wenn Sie der Storyline nicht folgen konnten, so wie ich, shame on me, haben Sie sich zumindest an den WUNDERBAREN Bildern gütlich tun können.

Nein, wirklich!
Diesen Tatort sollte man sich auf einer Kinoleinwand ansehen dürfen.

Die Geschichte ist rasch erzählt.
Halbnackter Junge wird neben der Leiche einer Frau gefunden.
Irgendwer hat die Frau umgebracht.
Wir haben schnell eine Vorahnung.
Ist es wirklich der Junge? Oder gar die Kommissarin mit der schicken Brille?
Und was hat Jean Améry damit zu tun??

Das Ende ist gleichsam banal wie vielsagend über die Lage Deutschlands.
Bitte weitermachen.