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Einmal Gitzi à la indienne, bitte

Die grosse Bollywood-Euphorie in Mitteleuropa scheint vorüber. Am Sonntagabend lief passenderweise dazu der Film im Schweizer Farbenfernsehen.

Die Story ist kurz erzählt. Sonja, die Serviertochter ist mit Markus, dem Hirschen-Beizer zusammen. Dieser steht ziemlich unter der Knute seiner Mutter, hat aber trotzdem ein Chalet gebaut, in das er mit seiner Sonja einziehen will. Als diese in die Migros einkaufen geht, trifft sie auf Rajan (Vijay Raaz), den Koch einer Bollywood-Schauspielerin, bzw. tappt in dessen geöffnete Joghurtpackungen . Rajan verliebt sich sofort in Sonja und geht in den Hirschen. Markus probiert von seinem Essen und verfällt Rajans Kochkünsten. Da Markus schon immer aus dem Hirschen ein Gourmetrestaurant machen wollte, greift er zu und steckt Rajan in seine Küche.

Was muss das für ein Film sein, fragte ich mich, als ich die Besetzungsliste studierte: Lavinia Wilson, Max Rüdlinger, Gilles Tschudi waren nur einige der hochkarätigen Namen. Ich muss gestehen, ich war misstrauisch, aber offen, mich überraschen zu lassen.

Als Bollywood-Fan und langjährige Anhängerin von Musicalszenen war ich natürlich gespannt auf die Tanzeinlagen. Natürlich sind sie nicht zu vergleichen mit jenen bunten Massenszenen aus den grossen Filmen wie KKHH oder 4K. Aber:

Das wilde Herumgetanze in der Migros und in der Küche des Hirschen macht einfach gute Laune und ist schlicht und einfach witzig gefilmt. (Wir erinnern uns an die tanzenden Tintenfische und vermuten, es sind nicht jene von Kerstin Cook.). Auch die tanzenden Sennen sind wohltuend für Auge und Ohr.

Lavinia Wilson besitzt als Sonja eine eigenartige Sprödheit, die aber verschwindet, wenn sie Rajan beim Kochen (und Tanzen) zusieht. Zwar stört ihr breiter Berner Dialekt, wenn man von deutschen TV-Produktionen weiss, wie ihre Stimme klingt, aber für anderthalb Stunden geht das schon in Ordnung.

Der Film hat auch einige ärgerliche Längen. Beispielsweise ergibt die Taucherei von Sonja dramaturgisch keinen Sinn. Die immer wieder auftauchenden „erotischen“ Szenen sind uninspiriert und langweilig. Und die Tatsache, dass die Wilson einen weissen Slip trägt, haut auch keinen vom Hocker. Die beste Freundin von Sonja bleibt seltsam farblos, ebenso die leidenschaftliche Schauspielerin aus Bollywood. Diese erinnert dunkel an Aishwarya Rai, besitzt aber nicht deren Charme. Die Szenen auf der Alm, wo sie versucht, wie das Heidi zu leben, sind peinlich. Dass sie am Ende ein Gitzi isst, das von einer ihrer „goats“ stammt, mag man der Protagonistin gönnen.

Wenn ich schon über die Protagonisten spreche, muss ich unbedingt die Stunts erwähnen: sie sind schlicht und einfach witzig gefilmt. Erwähnenswert hierbei: der Strassenrowdy im neongrünen Fiat.
Highlights waren auch die Auftritte der drei Stammgäste, gespielt von Max Rüdlinger, Peter Glauser und René Blum, auch wenn sie anfangs an die drei SBB-Werbeikonen erinnern. Sie versprühen eine Mischung aus typisch schweizerischem Mief und gleichzeitig Begeisterung und Interesse für Neues. Davon hätte ich gerne noch mehr gesehen. Und wenn die drei am Ende des Films Sonja nach Indien begleiten, damit sie ihren Koch wieder findet, sind für mich definitiv alle neun Rasas, die traditionell überlieferten Bestandteile indischer Kunst, enthalten: Liebe, Heldentum, Ekel, Komik, Schrecken, Wundersames, Wut, Pathos und Friedvolles.

Kitsch As Kitsch Can

Dank der findigen Leute von RTL 2 sind nun auch in unseren Breitengraden die Werke der grössten Filmindustrie der Welt zu sehen. Hollywood? Nee, weit gefehlt. Mumbai ist die Metropole des Films, von respektlosen Zungen auch Bollywood genannt.
Doch was macht die Faszination der bunten Hindi-Filme mit den schönen Darstellern aus?

Für die einen sind es aneinandergereihte Musicalnummern mit kitschigen Songs. Kenner unterscheiden und wissen: Das Ganze hat System. Ein guter Film beinhaltet die neun rasas: Liebe, Heldentum, Ekel, Komik, Schrecken, Wundersames, Wut, Pathos und Friedvolles.

Ebenfalls erwähnenswert ist das Starsystem, das vergleichbar ist mit jenem der 30er Jahre in den Vereinigten Staaten. Dank dem Einstiegsfilm „Kabhi kushi kabhie gham“ – „In guten wie in schweren Tagen“ sind auch wir auf Shahrukh „King“ Khan, Kajol, Amitabh „Big B“ Bachchan, Aishwarya Raj und Sushmita Sen aufmerksam geworden. Dass dunkelhäutige Inder dabei schlecht wegkommen, erstaunt nicht gross. Das westliche Schönheitsideal von heller Haut hat schon lange den Subkontinent Indien erreicht.
Hindi-Filme mögen zum Teil schlechte Kopien amerikanischer Produktionen sein. Mich persönlich überrascht aber immer wieder die Fähigkeit, sich an die grossen Vorbilder (wie beispielsweise „Matrix“) zu machen und diese stark ironisiert wieder zu geben. Man erinnere sich hierbei an die „Spuckszene“ aus „Main Hoon Naa“.

Die Gesang- und Tanznummern schwanken ebenfalls in ihrer Qualität. Da gibt es die opulent gedrehten Liebeslieder, die an so exotischen Orten wie Gizeh, dem Linthtal oder dem Outback spielen, die Familienszenen, wo plötzlich der eben noch so erhabene Patriarch einen Astaire-würdigen Steptanz hinlegt oder aber die unglaublich witzigen, gut gesungenen Songs wie beispielsweise Yuhi chala chal rahi oder Tumse milke Dilke hay Jo Haal.

Die Plots handeln meist von der Ver- bzw. Entwurzelung, entweder in Form von Heimweh oder Konflikten mit den Eltern. Dies verwundert nicht gross, da ein Film in Indien meist mit der ganzen Familie besucht wird. Sexuelle Handlungen (Küsse!!) kommen wenig oder gar nicht vor. Lesbische oder schwule Liebesbeziehungen werden ebenfalls nicht thematisiert.
Der kritische Geist wird hier nochmals hinzufügen, dass die Tanzszenen nervtötend kitschig und die Plots geklaut sind und auf indisch umgemünzt werden. Dem ist nichts entgegenzusetzen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich selten am Ende eines Major-Movies gerührt oder fröhlich bin. Für den cinephilen Europäer gibt es also nur zwei Möglichkeiten, sich emotional an einem Film zu erfreuen: entweder Low-Budget oder eben – Hindi-Filme.