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Über Irrelevanz und Sommerpause

Im Sommer läuft bei SRF nicht viel. Schliesslich ist Ferienzeit.
Glücklicherweise gibts dann immer irgendwelche Wiederholungen, Spielfilme, abgesackte Dokumentarfilme und – den Schweiz Aktuell „Sommerschwerpunkt“.

Waren es die letzten Jahre Themen wie „Alpenfestung – Leben im Réduit“, „Pfahlbauer von Pfyn“ oder „Anno 1914“, erwartet uns diesen Sommer ein wahrer Höhepunkt der televisionären Erlebnispädagogik: „Autobahn A1“. Obwohl ich bekennender Fan von Bildungssequenzen wie dieser bin, werde selbst ich von der Langeweile dieses Sendegefässes buchstäblich überrollt. Aber nun gut, es gibt ja schliesslich noch die Fernbedienung.

Was mich aber wirklich ärgert, ist, dass ich in der Sommerpause keine brauchbaren Informationen aus der Region auf SRF kriege. Obwohl im Kanton St. Gallen heftige Unwetter geschahen, halten die Macher von Schweiz aktuell es offenbar nicht für nötig, mehr als einige wenige Minuten darüber zu berichten. Stattdessen läuft „Autobahn A1“, eine Sendung, die verständlicherweise eh niemand anschaut.

Na vielen Dank. Ich bin dann mal auf arte.

Der Herr Müller im Fernsehen.

In der Schweiz irrt ein schreckliches Gespenst umher: Es nennt sich #nacktselfie und hat längst Amtstuben und Büros heimgesucht.

So hatte heute abend der gewillte Fernsehzuschauer und Billag-Abdrücker die Möglichkeit, fast anderthalb Stunden den Erklärungen eines grünen Nationalrats und Stadtammanns zu lauschen: Herrn Müller. Den „Club“, der Quasselstunde für Moralisten, Lästerer und Leute wie mich, moderierte Frau Frei.

Sie gab sich sichtlich Mühe, aber es bereitete mir dennoch grosse Schmerzen, ihr beim hilflosen Raubtierbändigen zuzusehen.

Herr Geri Müller, so heisst der Mann, dessen Cyber-Privatleben in den letzten Tagen fast erbarmungslos ausgerollt wurde. Einzig die Photos seines Gemächts blieben uns bisher erspart. Und das ist gut so.

Der Herr Müller darf sich zu seinem eigenen Skandal äussern und das zeigt ja eigentlich sehr gut, wie friedvoll wir Schweizer miteinander umgehen. Da macht es nichts, dass neben ihm Frau Maier sitzt, die für den Blick arbeitet. Der Blick hat die letzten Tage nicht über den Herrn Nationalrat und Stadtammann Geri Müller berichtet, sondern über Grüsel-Geri. Dass Herr Müller ihr nicht sofort an die Gurgel springt, hat bestimmt damit zu tun, dass sich hier alle kennen.

Frau Maier, die früher einmal beim Fernsehen gearbeitet hat und damit ziemlich erfolgreich war, schafft es denn auch mit einer klaren Geste, Frau Frei, die Moderatorin, zum Schweigen zu bringen. Ein wahres Schauspiel. Bitchfight, wie er im Buche steht und leider völlig unnötig, genauso wie die Selbstbeweihräucherungen einiger männlicher Gäste.

Und so sitze ich da, höre zu und wundere mich. Ab und zu starre ich auf mein Handy und bin froh, dass ich keine (grünen) Politiker kenne, die mir Fotos von Pony, Pussy und Penis zusenden, in der Hoffnung, dass daraus ein Skandal und ein eigener Fernsehabend entstehe.

SRF Gipfelstürmer: Einmal volltanken, bitte!

Bitte verstehen Sie mich richtig: ich liebe Listen. Ich bin sozusagen eine Listen-Liebende. Und ich mag gute Shows.

Nun könnte man meinen, SRF Gipfelstürmer sei einfach so ein helvetisches Geschwurbsel, das jegliche Kreativität vermissen lässt. Nein, meine Herrschaften, da liegen Sie aber falsch!

In der zweiten Staffel der SRF Gipfelstürmer empfängt Nik Hartmann verschiedenste Gäste. Genau das ist das Problem. Während der ersten Staffel konnte sich der Zuschauer mit jenen Personen quasi anfreunden. Maja Brunner und Hanspeter Latour gehörten doch schon nach dem ersten Samstagabend zur Familie. Anders bei der zweiten Staffel, wo die Gäste von Sendung zu Sendung wechseln.

Vielleicht bin ich da die Einzige, aber ich fand es herzlich doof, dass die Boulevardzeitung B. darüber berichtete, dass zu viel Alk in den Schweizer Fernsehsendungen konsumiert wird. Zumindest bei den Gipfelstürmern wirkten die Gäste wesentlich entspannter, wenn sie zum obligaten Chäsplättli Weisswein intus hatten.

Über die „Abstimmungen“ kann man sich streiten. Wenn’s um den beliebtesten Schweizer Fernsehpromi geht, sagt ja wirklich jeder im Moment: „Nik Hartmann!“ Und das mit Recht! Man mag sich allerdings fragen, wie peinlich eine solche Umfrage ist, wenn der Betreffende selber da sitzt und die Sendung moderiert.
Ich wage zu fragen, warum das Schweizer Fernsehen diesem tollen Typen nicht schon längstens eine wirklich gute, eigene Sendung gibt, anstatt ihn langsam zu verheizen, wie man es schon mit Mäni Weber gemacht hat! Wenn ich allerdings an das Historienverständnis des Senders denke (#dieSchweizer) wird mir recht schnell klar, dass der Publikumsgeschmack nicht viel zählt…

Und dann diese Themen: „Der schillerndeste Wahlschweizer“. Sorry, wen interessiert das? (Mich, ehrlich gesagt nicht.) „Die 30 schönsten Schweizer Promipaare“ mit Irina Bellers Brüsten, ihrem schnitzelschlagenden Baulöwen und PaolaundKurtFelix in einer Liste. Und dann gewinnt trotzdem dieser Tennisspieler mit seiner Frau? Ich frage Sie im Ernst: WTF?

Ich habe mich echt gefragt, wer da befragt wird und wie. Der wirklich! tolle SRF Kundendienst erklärt, dass die Kandidaten von der „SRF-Fachjury“ erkoren werden. Am Ende wird dann per Marktforschungsinstitut in einer „repräsentativen Umfrage ermittelt“, wen Herrn (und Frau?) Schweizer am liebsten mögen.

Tolle Sache, das.
Mich jedenfalls braucht ihr nicht anzurufen…

Ein Vorschlag zur Güte unter Freunden, liebes @srf

Ich staune seit Jahren, wie ihr es schafft, meine Generation als zukünftiges Publikum zu vergällen.
Schliesslich sind wir 30 bis 45jährigen die alten (und zahlungskräftigen) Säcke von morgen. Doch anstatt um uns zu werben und uns ein wirklich geiles Programm zu liefern, sorgt ihr dafür, dass ich und andere SRF1 und SRF2 meiden und wir uns stattdessen ausländische (intelligentere) Sender anschauen. Das kann’s doch wirklich nicht sein!

Nehmen wir diesen Samstagabend. Viele meiner Generation haben Kinder und gehen nicht mehr in den Ausgang. Ihr aber strahlt diesen verdummenden Mist „Best of Musikantenstadl 2013“ aus. Warum ausgerechnet jetzt? Warum am Samstagabend? Hasst ihr junge Eltern??
Und: Könnt ihr das nicht am Dienstagnachmittag ausstrahlen, wenn meine Oma und ihre Freundinnen Kaffee trinken und ihnen langweilig ist??

In aller Liebe: liebe Programmverantwortliche. Wir sind mit Peter Alexander und Peter Frankenfeld aufgewachsen. Ich mag gute Shows. Tolle Musiker. Sketches. Eine Band. Es wird doch wohl möglich sein, eine solche Sendung in der Schweiz auf die Beine zu stellen. (Bitte kommt nicht mit Happy Day. Die Sendung hat nicht das Format einer Rudi-Carrell-Show, was besonders an Röbi Koller liegt, der weder Charme noch Showtalent besitzt.)

Warum strahlt ihr nicht wieder eine Sendung wie „Übrigens…“ aus? Es gibt genügend hochtalentierte Kabarettisten und witzige Menschen. Ich vermisse, die Diskussionen am Tag nach der Sendung. Habt ihr Angst, dass wir vom Nachdenken krank werden könnten? Dass wir keinen Humor haben? Den braucht man nämlich, wenn man Euer Programm sieht.

Vielleicht, wenn ihr wirklich mal herausfinden wollen würdet, was wir wirklich gerne schauen, dann wären auch endlich die unsäglichen Billag-Diskussionen zu Ende.

Herzlichst, eure Zora

Service public meets the real world according to zora.

Ich gebe es gerne zu: ich bin ein #esc-gebranntes Kind.
In meiner dunklen Erinnerung moderiert Sandra Studer den ESC.
Sie tut dies humorlos, moralistisch und sehr mühsam.
Ihren fiesen Kommentar über Guildo Horn hab ihr nie verziehen.
Ich fand sie grauenvoll und überlegte mir damals zum ersten Mal, den Ton beim Zuschauen abzustellen. Meine Mutter hat mir das verboten, was wohl daran lag, dass der Fernseher ihrer war. Vielleicht hat Sandra Studer damit aber auch dazu beigetragen, dass ich die schrägen Vögel am ESC erst recht schätzen gelernt habe.

Seit einigen Jahren ergeht es mir ähnlich, wenn Sven Epiney moderiert.
Irgendwie scheint Humor extrem individuell zu sein. Mir scheint, dass der ESC wesentlich ernsthafter von SRF begleitet wird, als es der Sache zuträglich ist.

Ich war allerdings erfreut, als ich las, dass Peter Schneider und Gabriel Vetter den ESC live kommentieren würden. Ich mein: das ist doch paradiesisch: einfach Sven Epiney abstellen und stattdessen Satire pur hören! Das ist doch mal echter Service public!

Ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn sich Schneider/Vetter langsam in Form laufen mussten, blieb der Spass nicht aus. Bei mehr als einem ihrer Aussprüche blieben mir Zigarillo und/oder Dessert im Halse stecken. Ganz egal, ob es sich um architektonische Mutmassungen betreffend des moldawischen Betonkostüms oder die lohnende Rettung des ungarischen Hipsters aus Zürich in der Glarner Lawine handelte, Schneider/Vetter kamen ihrem Auftrag nach. Sie waren phöse.

Ich bin zwar tv-addicted, doch Schneider/Vetter dürften meinetwegen noch sehr viel mehr per Zweikanalton kommentieren: die nächste Abstimmung, die unsäglichen Volksmusiksendungen oder das Wort zum Sonntag. Da würd ich doch glatt mehr auf SRF1 hängen bleiben. Darauf ein Glas Amarone!!

Hüttengeschichten

Ich freu mich alle paar Wochen wieder über die neuen Filmchen im Format „SF bi de Lüt“.
Mir ist es ja eigentlich egal, ob Rentner singen, Bäuerinnen kochen oder Randgruppen sich zeigen können, Hauptsache ist doch, die Story stimmt und fesselt.

Bei Hüttengeschichten ist alles anders.
Für einmal kriegen wir Zuschauer verschiedenste Lebensmodelle vorgesetzt:
Da ist die blonde Mittvierzigerin, die mit Freund und Helfer Ramon in den Glarner Alpen eine SAC-Hütte betreibt. Als unprüde Zuschauerin freue ich mich natürlich über diese unkomplizierte Dreierkiste. Die Jungs sind ja auch zu süss.

In der nächsten Hütte arbeiten Peter und Debi, die nicht nur unterschiedlich alt, sondern auch noch in freudiger Erwartung sind. Also: Debi ist schwanger und Peter grübelt. Das geht uns allen doch gleich, oder?

Tanja und Jeanne, zwei fähige junge Frauen, die anpacken können und auch sonst sehr motiviert sind, werden sprachlich etwas ambivalent eingeführt. Niemals erwähnt der Sprecher, dass die beiden Frauen ein Paar sind, obwohl es doch offensichtlich ist. Offensichtlich ist es auch, dass man das dem Schweizer Freitagabend-Publikum nicht zumuten darf. Erst der SAC-Typ spricht es dann aus, dass die beiden Frauen in einer Partnerschaft leben.

WTF? Wie verlogen ist das Schweizer Fernsehen?
Als Zuschauerin wünsch ich mir klare Worte. Es ist keine Schande. Man braucht dafür keine sprachlichen Umschreibungen wie „die beiden Frauen“. Nein. Die Zeiten sind vorbei. Gute Geschichten kann man einfach so erzählen. Ich hoffe, die merken das auch noch, beim Schweizer Farbenfernsehen.

Tatort: Hoffnung, nicht nur Wunschdenken.

Zuallererst muss ich mal was klarstellen: so schlecht finde ich den ersten Schweizer Tatort seit Jahren gar nicht. Das einzige, was ich, trotz jahrelanger, erfolglos bekämpfter CSI-Sucht, (ver-)störend fand, war Sofia Milos‘ von Botox zerstörtes Gesicht.

„Wunschdenken“ heisst der Film, der erste vom Schweizer Fernsehen gedrehte seit „Time-Out“ (2002), machte schon Schlagzeilen in Helvetien, als er noch nicht einmal ausgestrahlt war. Einmal hiess es, er sei zu sexlastig (Schweizer! Sex! Irgendwie passt das alles nicht zusammen!!), dann wieder wurde über Sofia Milos‘ Schauspielkünste gelästert. Bei aller Ehrlichkeit, aber eigentlich war das Tatort-Vorspiel spannender als der Film selber. Als Zuschauer gewinnt man hier einen kleinen Einblick ins Schweizerische, öffentlich-rechtliche Filmwesen, das vor Rechtschaffenheit, Prüderie und falschem Respekt vor Parteilöwen nur so strotzt.

Natürlich ist Stefan Gubser als Reto Flückiger sexy. Er sieht genauso aus, wie sich die Mehrheit der wackeren Helvetierinnen ihren Traummann vorstellen. Dass Abby Lanning, gespielt von Sofia Milos, die übrigens in CH aufgewachsen ist, etwas mimikarm wirkt, sollte allen Chicks eine Warnung sein. Botox, liebe Mädels, ist unsexy. Da sieht doch Sabina Schneebeli, in der Rolle der neuen, kinderreichen Spusi-Mitarbeiterin, wesentlich interessanter aus. Und sie kann sogar spielen!! Auch Andrea Zogg, den ich schon als Reto Carlucci cool fand, bietet genügend Reibungsfläche sowie genügend Charakter für künftige Drehbücher.

Wahre Tatort-Fans schwören ja aufs sogenannte Lokalkolorit. Davon bekam man ja dank Grossaufnahmen von See, Berg und verworrenen Dialektgemischen (der O-Ton mit Untertiteln für unsere deutschen Freunde lässt grüssen!!) genug. Als Bodensee-Kind finde ich es aber trotzdem sehr schade, dass der Flückiger nun in der herben Innerschweiz ermittelt und nicht mehr im wilden Osten.

Die Story finde ich etwas verworren, aber nicht unsympathisch. Natürlich gibt es für die Première eines „neuen“ Ermittlers wesentlich bessere Beispiele als „Wunschdenken“ („Duisburg-Ruhrort“ mit Schimanski oder noch besser: „Der dunkle Fleck“ mit Boerne und Thiel). Dennoch hat der Film was. Er ist in kleinen Einstellungen sehr lokal und lebensecht gefärbt (der Caran d’Ache Kugelschreiber vor dem Computer oder der Muskelmann mit Lozärner Dialekt), dann wieder unglaublich unrealistisch (der Regierungsrat, der überall dreinquatscht, das Hotel, das nicht sofort demütig die von Tauben verkackte Bettwäsche wechseln lässt…).

Ich jedenfalls wünsche dem neuen Ermittler weitere spannende Fälle (leider nicht mehr in Kreuzlingen!!), die er mit Chuzpe, Charme und hoffentlich weiteren (etwas) charismatischen Partnern angeht sowie ein Publikum, das weiterhin bärbeissig, aber ehrlich und kritisch vor der Glotze hockt.