Tatort: Hoffnung, nicht nur Wunschdenken.

Zuallererst muss ich mal was klarstellen: so schlecht finde ich den ersten Schweizer Tatort seit Jahren gar nicht. Das einzige, was ich, trotz jahrelanger, erfolglos bekämpfter CSI-Sucht, (ver-)störend fand, war Sofia Milos‘ von Botox zerstörtes Gesicht.

„Wunschdenken“ heisst der Film, der erste vom Schweizer Fernsehen gedrehte seit „Time-Out“ (2002), machte schon Schlagzeilen in Helvetien, als er noch nicht einmal ausgestrahlt war. Einmal hiess es, er sei zu sexlastig (Schweizer! Sex! Irgendwie passt das alles nicht zusammen!!), dann wieder wurde über Sofia Milos‘ Schauspielkünste gelästert. Bei aller Ehrlichkeit, aber eigentlich war das Tatort-Vorspiel spannender als der Film selber. Als Zuschauer gewinnt man hier einen kleinen Einblick ins Schweizerische, öffentlich-rechtliche Filmwesen, das vor Rechtschaffenheit, Prüderie und falschem Respekt vor Parteilöwen nur so strotzt.

Natürlich ist Stefan Gubser als Reto Flückiger sexy. Er sieht genauso aus, wie sich die Mehrheit der wackeren Helvetierinnen ihren Traummann vorstellen. Dass Abby Lanning, gespielt von Sofia Milos, die übrigens in CH aufgewachsen ist, etwas mimikarm wirkt, sollte allen Chicks eine Warnung sein. Botox, liebe Mädels, ist unsexy. Da sieht doch Sabina Schneebeli, in der Rolle der neuen, kinderreichen Spusi-Mitarbeiterin, wesentlich interessanter aus. Und sie kann sogar spielen!! Auch Andrea Zogg, den ich schon als Reto Carlucci cool fand, bietet genügend Reibungsfläche sowie genügend Charakter für künftige Drehbücher.

Wahre Tatort-Fans schwören ja aufs sogenannte Lokalkolorit. Davon bekam man ja dank Grossaufnahmen von See, Berg und verworrenen Dialektgemischen (der O-Ton mit Untertiteln für unsere deutschen Freunde lässt grüssen!!) genug. Als Bodensee-Kind finde ich es aber trotzdem sehr schade, dass der Flückiger nun in der herben Innerschweiz ermittelt und nicht mehr im wilden Osten.

Die Story finde ich etwas verworren, aber nicht unsympathisch. Natürlich gibt es für die Première eines „neuen“ Ermittlers wesentlich bessere Beispiele als „Wunschdenken“ („Duisburg-Ruhrort“ mit Schimanski oder noch besser: „Der dunkle Fleck“ mit Boerne und Thiel). Dennoch hat der Film was. Er ist in kleinen Einstellungen sehr lokal und lebensecht gefärbt (der Caran d’Ache Kugelschreiber vor dem Computer oder der Muskelmann mit Lozärner Dialekt), dann wieder unglaublich unrealistisch (der Regierungsrat, der überall dreinquatscht, das Hotel, das nicht sofort demütig die von Tauben verkackte Bettwäsche wechseln lässt…).

Ich jedenfalls wünsche dem neuen Ermittler weitere spannende Fälle (leider nicht mehr in Kreuzlingen!!), die er mit Chuzpe, Charme und hoffentlich weiteren (etwas) charismatischen Partnern angeht sowie ein Publikum, das weiterhin bärbeissig, aber ehrlich und kritisch vor der Glotze hockt.