„L’expérience Blocher“ oder wie Bilder einen gefangen nehmen

Kino ist seit längerem nicht mehr mein Ding. Ich nehme an, das Älterwerden zollt seinen Tribut und Kinositze sind ja wirklich nicht das Gelbe vom Ei. Und überhaupt: Filme machen nur Spass mit der Katze auf dem Schoss.

„L’expérience Blocher“ heisst der Film von Jean-Stéphane Bron. Der Dokumentarfilmer begleitet den Politiker Blocher und eröffnet dem Zuschauer eine Welt, von der er manchmal nicht ganz genau weiss, wie er sie einordnen soll.

Der Film wurde im Vorfeld vor allem von politischen Gegnern zerrissen, nicht selten in Kombination mit Sätzen wie „Ich habe ihn nicht gesehen und werde ihn auch nicht sehen“. Das machte mich neugierig, vor allem weil ich als Filmfan mir doch lieber selber ein Bild mache, anstatt mich belehren zu lassen, was gut für mich ist und was nicht.
Ich gebe es zu: als Blocher-kritische Bürgerin ist der Film nicht leicht verdaulich. Blocher in Grossformat auf der Leinwand zu sehen, mag für empfindliche Gemüter nur schwer zu ertragen sein. Aber der Filmbesuch lohnt sich dennoch. Sehr.

Zum einen erwarten einen grossartige Landschaftsaufnahmen. Man ertrinkt beinahe in diesen tiefgrünen Wäldern, die man von oben herab sieht. Die Strassen, der Rheinfall, die Aufnahmen im Bundeshaus, Blocher „eingerahmt“ in der Türe neben seinen Anker-Bildern – perfekte Bildkomposition.
Dann ist da die Stimme des Filmemachers. Sie ist sanft und beruhigend. Sie führt einen sicher durch alle Untiefen, peinliche und intime Momente, gleich einem Fährmann. Auch der Soundtrack ist zielsicher. Er berührt, lässt Gänsehaut zurück.
Mein Hauptpunkt, diesen Film sehen zu müssen, ist gleichzeitig eine Kritik der Vorwürfe von kultur(be)schützenden politischen Gegnern. Ich bin weiss Gott kein ironischer Mensch, aber wer diesen Film für Pro-Blocher-Propaganda hält und der Meinung ist, er „hätte seinen Werbefilm selbst bezahlen sollen“, hat entweder während des Films geschlafen oder einfach nicht kapiert, was Brons Film erzählt.

Indem Bron den Politiker so nahe begleitet und versucht, dem Phänomen Blocher auf die Fährte zu kommen, demontiert er gleichzeitig den Mythos und zeigt den Unsinn einer Dämonisierung allein aufgrund des Namens „Blocher“. Zum Vorschein kommt nicht der mächtige Schweizer Politiker, kein Volkstribun, sondern ein alter Mann mit einem zugebenermassen etwas speziellen Sinn für Humor, ein Mensch, der eine sehr bewegte Geschichte hinter sich hat. Brons Stimme aus dem Off kann man als Grabesrede interpretieren, aber auch als Anklageschrift. Oder einfach als ausbalancierende Hintergrundinfo. Respektvoll, ja. Aber oft, in Kombination mit den Bildern, auch bitterböse und direkt.

Bron schafft das beinahe unmögliche: man fiebert mit, leidet mit und ist immer wieder befremdet. Will ich wirklich zusehen, wie Christoph Blocher auf seinem Sofa liegt und schläft? Er wirkt plötzlich sehr verletzlich. Will ich sehen, wie er im leeren Bundeshaus sitzt und sinniert? Will ich Frau Blocher im Hotelbett liegen sehen?

Der mächtige Mann wird mit einem Mal zu einem Menschen und man fragt sich nicht mehr, wie er das geschafft hat. Es wird einem beim Zuschauen klar. Er ist angetrieben von seiner Geschichte, seinem Leben und seinen Träumen. Wie jeder Mensch. Dabei relativiert Bron nicht, er zeigt einfach. Und das überaus gekonnt.