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#zürcherprozesse: Die Schläfrigkeit des Sonntagmorgens und die Wut der Rentner

Der dritte Tag der „trial show“ im Zürcher Neumarkt-Theater beginnt unaufgeregt, um nicht zu sagen: etwas schläfrig. Die Aufführung startet mit Verspätung.

Da die beiden „Experten“ Regula Stämpfli und Filippo Leutenegger ausfallen, springen Michael E. Dreher und Giusep Nay stattdessen ein. Zur Erinnerung: Nay ist eigentlich Rechtsexperte der Richterin. Aber aussergewöhnliche Situationen verlangen aussergewöhnliche Männer aka Helden.

Aber während Dreher mit seiner quirligen Nauscheligkeit für einen ersten kurzen Höhepunkt beim Zuschauen sorgt, schläfert Nays Stimme diejenigen wieder ein, die definitiv an diesem Sonntagmorgen zu früh aufgestanden sind. Zum Beispiel mich.

Spannend ist der Verlauf dieses Nachmittags nicht gerade.

Robert Misik sticht allein durch seinen Dialekt hervor. Marc Spescha verliert deutlich an Energie. Es ist etwas langweilig. Zum Glück will die Katze spielen.

In der Schlusssitzung schliesslich läuft Spescha zu einer Form auf, die man ihm die letzten zwei Tage gewünscht hätte. Was sich anhört wie ein dröger Kommentar zur Leistung eines Schweizer Leistungssportlers, ist in Wirklichkeit eine bittere Erkenntnis: wenn Spescha von einem Blatt ablesen kann, spricht er klar und deutlich, ist voller Leidenschaft und überzeugt. Sonst nicht.

Dies konnte man von Misik nicht behaupten. Sein Schlussplädoyer ist peinlich, mühsam und nur schwer nachzuvollziehen. Sein Outing als harter Journalist mochte ich ihm zumindest nicht abnehmen. Davon habe ich nämlich nicht viel gemerkt.

Valentin Landmann hingegen ist souverän, wenn er wie eine geschmeidige Raubkatze die Geschworenen anspricht. Ist ja schliesslich sein Job.

Als Claudio Zanetti seine Schlussrede abhält, freuen sich die einen schon. Als einziger der Protagonisten vermag er im Publikum Emotionen zu schüren. Ich fühle mich für Momente in die 80er Jahre und „Matlock“ zurückversetzt.

Die Zuschauer werden nicht enttäuscht. Als er schliesslich übers Bücherverbrennen redet, buhen ihn einige wenige aus. Echte Zuschauer? Oder echte Schauspieler? Das weiss man nicht so genau.

Am Ende wird die Weltwoche frei gesprochen. Das überrascht niemanden gross.
Es gibt keine Schlägerei. Keine Verhaftung. Nichts.
Schliesslich sind wir hier ein gesittetes, freiheitliches Land, oder?