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Hinkebein. Oder Gehversuche. Und das Waardenburg-Syndrom.

Ich schreibe wenige Dinge in meine Agenda ein. Omas Geburtstag gehört dazu. Die halbjährliche Ausstrahlung des Münsteraner Tatorts ebenfalls. Die Vorschau lässt selten gutes vermuten. Auch vermeide ich erste Kritiken aus dem Spiegel. Viel lieber mach ich mir mein eigenes Bild.

Wie immer geht es beim Münsteraner um eine ehemalige Freundschaft oder Liebschaft Boernes. Der hats ja schliesslich faustdick hinter den Pathologenöhrchen. Boerne wird angequatscht von einer etwas abgetakelten Blondine, die er offensichtlich von früher her kennt. Sie sieht aus wie eine verlebte Prostituierte, wirkt wie eine Putzfrau und ist eine Ex-Kriminalbeamtin, die mal bei der Mordkommission und nicht bei der Sitte gearbeitet hat. Dass sie ein Alkoholproblem hat, erwähnt dann ihre hochbegabte Tochter mit den verschiedenenfarbenen Augen.

Soweit zum Plot, der dünn, aber amüsant ist. Die Leiche kommt Thiel ganz recht, er ist sogar froh um seine Tote, die gewaltsam ums Leben gekommen ist, damit er der Verbrüderungsfeier mit den russischen Kollegen entfliehen kann. Boerne gerät natürlich nie offensichtlich in den Verdacht, die ehemalige Geliebte getötet zu haben. Er darf die Tote sogar zerteilen. Nicht jedermanns Geschmack. Auch Thiel greift nach seinem Riechsalz. Jedenfalls erfahren wir mit Thiel und Boerne alles und nichts. Am Ende stellt sich heraus, wer der Vater der Hochbegabten ist. Darüber wundern wir uns aber nicht.

Die Storyline war ja noch nie die grosse Stärke der Münsteraner, selbst wenn Cantz und Hinter fürs Drehbuch verantwortlich sind.
In Münster gehts seit jeher um die Protagonisten. Vaddern, der Boernes Bodyguard wird und doch nur kiffend herumliegt und dabei Rockmusik hört. Alberich, die genauso wenig promoviert hat wie von Guttenberg. Frau Staatsanwältin, die ums weltweite, gedankenlose Rauchen trauert und dabei den Hauptverdächtigen Hinkebein in die Freiheit entlässt. Thiel und Boerne, die miteinander essen und trinken.

Wir Fans des Münsteraner Tatorts lieben die Dialoge, die klein, aber fein sind und für unsensible Gemüter vielleicht etwas prollig daher kommen. Wir erfreuen uns an den Wortduellen zwischen Thiel und Boerne, die hart daher kommen und eigentlich sehr herzensnah sind.
Wir erkennen die Reminiszenzen an Filme. Wir wissen, dass der Film im Kino, wo Hinkebein verhaftet wird „Die Drei von der Tankstelle heisst“. Wir freuen uns darüber, dass Thiel dem Verdächtigen in Unterhose und mit einem alten Hockeystock bewaffnet folgt, denn wir wissen, dass alles eine Bedeutung hat.

„Hinkebein“ ist nicht so wunderbar gelungen wie „3x schwarzer Kater“, doch nur schon wegen der Schlussszene lieben wir diesen Tatort. Nicht wahr?