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Miss me or not.

Eigentlich wollte ich ja nichts dazu schreiben. Schliesslich tun das in den Tagen zuvor und danach alle, die noch eine Tastatur mit arthritischen Fingern bedienen können. Sie haben schon richtig geraten. Es geht um die Miss Schweiz-Wahlen, hierzulande fast so hoch geschätzt wie der Schwingerkönig oder die Krönung der Miss Schöneuter im Kanton Schwyz.

Bei diesen Wahlen, die in diesem Jahr ironischerweise nur wenige Tage nach den Bundesrats-Ersatzwahlen stattfanden, wird sozusagen die schönste Frau der Schweiz erkoren. Doch was bedeutet das in einem Land, das sich rühmt, nicht oberflächlich zu sein?

Nicht viel, könnte man glauben.
Aber nein, der biedere Schein täuscht. Die Wahlen, und später das Privatleben, der Miss werden streng beobachtet von den hiesigen Zeitungen, Tugendwächtern sowie dem Fernsehen. Täglich wird im helvetischen Boulevard-Magazin von der jungen Frau auf dem Weg ins Glück, manchmal auch vom Verderben, berichtet. Wir erfahren alles über den Freund, die Eltern, das Lieblingskaninchen und die Bettwäsche der Schönheitskönigin, ganz egal, ob uns das gefällt oder eben nicht.

Die Missen tragen so modische Namen wie Bianca, Anita, Fiona, Jennifer Ann oder eben, wie in diesem Jahr, Kerstin. Junge Mädchen wollen plötzlich auch so heissen und verfluchen ihre Eltern wegen Namen wie Anna, Jacqueline oder Tiffany. Sie träumen vom Krönchen mit Kristallen aus Glas, Gratis-Kleidern des Sponsors, tollen Schuhen und einem roten Kleinwagen.

Dafür latschen sie in Badekleidern an sabbernden Kerlen und beschwipsten Weibern vorbei. Sie beantworten Fragen, die man aus Pietätsgründen nicht einmal geistig behinderten Menschen stellt. Und das alles nur für dieses eine Ziel: berühmt werden. Reich sein. Schön sein. Auf dem Titelbild aller Schweizer Käseblätter (ich glaube, es sind zwei) abgedruckt zu werden. Dafür lügen sie, lassen sich Silikon implantieren und machen mit Männlein und Weiblein vor der Kamera rum.

Am Ende bleibt eine Frau, die nach einem Jahr gereift ist, Schauspielerin in Hollywood oder Model werden will, die Werbung für Kaffee macht oder einen Millionär heiratet. Alice Schwarzer hat uns immer gewarnt. Viel genützt hat es nicht.

3 Comments

  1. Gerhard Falk wrote:

    Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen. Wenn ich diese Gesichtchen sehe, dann geht es mir wie bei den Kühen: Irgendwie sehen sie alle doch gleich aus.

    Die Nicht-Missen aber, da sind wirkliche Schönheiten bei. Sie verstehen? So ein Gesicht, das man wiedererkennt.

    Donnerstag, September 30, 2010 at 23:48 | Permalink
  2. Wer keine tolle Sicht auf das eigene Leben hat, sucht sich halt gern ein Schlüsselloch, um wenigstens einen Blick auf „erfolgverwöhnes Leben“ zu erhaschen. So entstehen eben Zuständie wie „Miss-verhältnis“, „Miss-gunst“, „Miss-
    vergnügen“, „Miss-etäter“ oder einfach nur „Miss-Schweiz“.
    Ist doch erstaunlich, dass junge unbescholtene Mädchen und Buben für etwas belohnt werden, wofür sie nun definitiv nichts dafür können (und oft auch nicht müssen) und das auch sehr schnell vergeht: visuelle Schönheit im Auge der Betrachter (ja auch der Sabbernden).

    Misslich, irgendwie…

    Freitag, Oktober 1, 2010 at 06:40 | Permalink
  3. Magor wrote:

    Wenn man’s als Castingshow anschaut, wundert man sich, dass die Jury so wenig zu sagen hat.
    Am schönsten ist immer der heisse Stuhl. Da werden Fragen nicht oder falsch verstanden, und wenn die Stimme aus dem Off wissen will, wie wichtig der Möchtegern-Miss im Leben der Glaube sei, darf sie antworten: «Man muss an sich selber glauben.» Wenn das nicht überzeugt?!

    Freitag, Oktober 1, 2010 at 07:32 | Permalink

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