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SF bi de Lüt: Oder wie man als Deutscher lernt, die Schweizer zu verstehen

Immer wieder ist zu lesen, dass die Schweizer freundlich sind, aber keinesfalls nett. Dem hat niemand, vor allem kein Helvetier, etwas entgegen zu setzen. Allerdings gibt sich das Schweizer Farbenfernsehen immer wieder Mühe, völkerverständigende Sendungen zu produzieren, um dieses Vorurteil zu reduzieren. Eine davon ist „SF bi de Lüt – live“ auf gut Deutsch „Schweizer Farbenfernsehen bei den Leuten. Jetzt.“

Das Konzept der Sendung ist ganz einfach: ein sympathischer Moderator mit Bart, aber ohne Hund, ein Koch, eine Band, ein besonders tolles Dorf sowie spezielle Gäste, also alles in allem eine Art „Fernsehgarten“, einfach in den Alpen.

Die Sendung beginnt jeweils mit der Vorstellung der „Crew“, die aus dem Grill-Ueli, der Hus-Band sowie dem Moderator Nik Hartmann besteht. Die Leute aus dem Dorf sitzen dazu auf Holzbänken, trinken Bier und haben zu klatschen, wann immer es ihnen ein Stimmungsmacher anzeigt.

Die erste Sendung in diesem Sommer kommt aus Grindelwald, was ohne Schnee gar nicht so toll aussieht. Der Moderator wird unterstützt von einem lokalen „Reiseführer“, der eigentlich immer entweder ein pensionierter Lehrer (Klugscheisser, aber hallo), einer Schönheitskönigin (das Gegenteil von Klugscheisser, aber schön anzusehen) oder aber einem weiblichen Bauerntrampel (weder das eine noch das andere, dafür sympathisch, aber nicht zu verstehen) unterstützt wird.
Deren grösster Auftritt hier ist schliesslich das obligate Erklären des Wappens, was diese souverän aber mit dicker Stirnfalte und unverständlichem Dialekt schafft.

Als ausländischer Zuschauer mag man sich über den Inhalt der Sendung wundern. Allerdings kann ich jedem einbürgerungswilligen Mitmenschen nur empfehlen, sich auf die verschiedenen Grüssrituale oder das gemeinsame Essenteilen der kalten Platte zu konzentrieren: hier war die Schweiz nie schweizerischer, und wer dies beherrscht, muss keine Angst mehr vor Fragen über helvetische Kriege haben. Wer die kalte Platte mit Appenzeller extra, Hobelfleisch und den dicken Fingern des Nachbars auf seinem Fleisch überlebt, gehört dazu. Am besten, man bewirbt sich gleich bei den Schweizergardisten.

Und dann ist da noch die Wochenaufgabe, die engagierte Dörfler gemeinsam bewältigen müssen. Weil Grindelwald das Dorf der Berge und Gletscher ist, haben sie gleich eine Plastik aus Holz und Gips gebastelt. Kein Wunder ist die Schweiz die Heimat von Giacometti!

Co-Moderatorin Kathrin mit den langen Beinen oder besser den unpassenden High Heels, die sie aber lieber Salatstecher nennt (und für die sie auch von den lustigen Grindelwaldnern ausgelacht wird…) wird in dieser Saison an der Seite von Hartmann die Leute mitunterhalten.
Beim Wappenspiel schliesslich läuft Kathrin zur Höchstform auf. Sie nervt mit ihrer schrillen Stimme und ihrem unsicheren Gang. Und so wünscht man sich (und vor allem ihr), dass ihre Auftritte schnell wieder aus der Sendung gestrichen werden und sie wieder das Wetter in der Ostschweiz präsentieren darf, bevor sie sich das Genick bricht.

Grill-Ueli ist nicht einfach nur der Fachmann fürs Fleisch, sondern der wahre Meditationskünstler der Sendung. Er empfiehlt Grillieren als Möglichkeit vom Alltag abzuschalten. „Trau dich, ein grosses Stück Fleisch zu grillieren!“ ist hier die Devise und wir geben ihm recht.

Dass das Handörgeli-Quartett Echo vom Gämschberg den Einsatz verpasst und man als Zuschauer (Oh Schreck!!bemerkt, dass sie playback spielen, schockiert dann aber niemanden gross. Die Leute in Grindelwald nehmen es stoisch, denn sie sind sich ja schliesslich Horden von Japanern und Indern gewohnt. Prost Fläschefondue!

Ein weiterer Programmpunkt stellt die Auseinandersetzung mit dem Dialekt und einer einheimischen Sage dar. Christian Schmid, der beliebte Mundartforscher erzählt jeweils eine überlieferte Begebenheit aus dem Ort. Man hört ihm gerne zu, mit seiner behäbigen Stimme fesselt er den Zuhörer, sei es am TV oder am Radio.

Und wenn am Ende der Grill-Ueli das Essen unter den hungrigen Gästen, diesmal am Tisch 48, verteilt, Nik Hartmann lausbübisch in die Kamera grinst und Kathrin doof vor sich hin kichert, dann darf man echt auf weitere Sendungen gespannt sein. „SF bi de Lüt – live“ ist ein echtes TV-Ereignis für die ganze Familie, Freunde und integrationswillige Fremde. Escholzmatt ist die nächste Station und ich sag nur eines: Nik, ich bin dabei!

One Comment

  1. Gerhard Falk wrote:

    Der Text ist wirklich vergnüglich zu lesen.

    Freitag, Juli 23, 2010 at 10:46 | Permalink

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