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Der dümmste deutsche Titel – Die Story

Die Story von „Home Improvement“ scheint schnell erzählt:
Da ist ein Amerikaner, Tim Taylor, um die 40, verheiratet, Vater von drei Söhnen. Er macht die Sendung „Tool Time“ für die Werkzeug Firma „Binford Tools“. Dort tritt er auf mit einem etwas jüngeren Mann, der sein Assistent ist. Ab und zu, bzw. meistens geht was schief, da Tim zwar Werkzeuge liebt, aber offensichtlich nicht gut damit umgehen kann.

Auf den ersten Blick ist „Home Improvement“ eine strunzlangweilige, gewöhnliche Männer- Ami-Serie. Ich habe auch nach langem Nachfragen auf twitter keine einzige Frau gefunden, die sich für die Serie erwärmen konnte. Das finde ich schade, denn wir Frauen verschenken uns hier echt eine spannende Lektion Leben. Wer sich aber darauf einlässt und sich von Hot Rods und explodierenden Werkzeugen nicht abschrecken lässt, kriegt was ganz anderes geboten:

  • Einsicht in die Männerwelt

Gerade für Frauen dürfte doch spannend sein, das Innenleben eines (ihres) Mannes kennenzulernen. Tim ist nämlich (nicht nur) Macho und Werkzeugfetischist, sondern in erster Linie ein Mensch, der mitten im Leben steht. Er versucht ein guter Ehemann zu sein, was ihm auch meistens gelingt. Er arbeitet, mit Hilfe seines weisen Nachbars Wilson daran, mit seiner Frau besser zu kommunizieren und sie zu verstehen. Seinen erwachsen werdenden Söhnen versucht er, ein guter Vater zu sein. Wie er das macht, nämlich mit Kreativität, viel Humor und Selbstreflektion, ist wunderbar. Väter dürfen sich gerne ein Beispiel an ihm nehmen.
Tim ist aber auch ein Freund. Er geht mit seinem Gefühlen um, lässt sie zu und tritt auch immer wieder in Fettnäpfchen. In Harrys Eisenwarenladen ist er ganz sich selbst.

  • Wie erziehe ich meine Umwelt?

Der Erziehungseffekt von „Home Improvement“ ist auch heute nicht zu unterschätzen. Als junge Frau fand ich Jill in ihrer Rolle als Ehefrau und Erzieherin von vier (sic!) Jungs ziemlich heftig. Andererseits imponierte mir immer wieder ihr Wille und ihr Humor, ihre Selbstreflektion und schlussendlich ihre Liebe zu Tim. Ich fragte mich immer wieder, wie sie dieses Theater, das Grunzen, die öligen Kleider aushalten konnte. Ich mochte auch an ihr, dass sie sich weiter bildete. Sie studierte. Sie blieb nicht stehen. Sie machte ihren Mann nicht verantwortlich für ihr Lebensglück. Und das in den frühen 90ern. Und: sie zeigte mir, dass frau auch jenseits der 35 attraktiv bleiben kann.Ihre Geduld, die sie mit den Jungs an den Tag legt, fand ich ebenfalls liebenswert und vorbildhaft. Mehr als einmal sind mir die Tränen ins Gesicht gestiegen.

  • Fremde Kulturen kennenlernen

Dank „Home Improvement“ fand ich auch einen Zugang zu Halloween. Die jeweiligen Folgen habe ich geliebt, ebenso wie die Weihnachts-Specials. Nirgends sonst scheint sich Amerika mehr zu offenbaren, menschlicher zu sein, als dann. Ich verstehe die Amerikaner zwar immer noch nicht, doch dank dem Einblick in ihre wirklich wichtigen Feste werden sie greifbarer.

Bei Ex Libris habe ich zwei Staffeln aufgetrieben, die zweite und die dritte. Aber ich bin weiter auf der Suche, schliesslich werden es am Ende acht sein…

4 Comments

  1. Eine wunderbar dargestellte Perspektive über eine auf den ersten Blick wirklich «typisch amerikanische» Serie.
    Mir hat zwar die Machart mit den Feinheiten wie dem stets halb verdeckten Gesicht von Wilson gut gefallen, aber diese Argumentation trifft mit dem Hammer von Binford Tools so ziemlich den Nagel auf den Kopf.
    Übrigens der wirklich dümmliche deutsche Titel heisst:«Hör mal, wer da hämmert». Irgendwie behämmert…

    Sonntag, Januar 29, 2012 at 09:22 | Permalink
  2. Christian H. wrote:

    Es war auch die erste Sitcom, die es geschafft hat, ein einigermaßen vernünftiges Bild von Cannabiskonsum bei den Kindern zu zeichnen und adäquate Erziehungsreaktionen gezeigt hat. Kommt aber erst in den späten Staffeln.

    Sonntag, Januar 29, 2012 at 10:18 | Permalink
  3. Ray wrote:

    Goldig! Ich schliesse mich meinem Vorredner gerne an – da hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich weiss nicht, vielleicht warst Du die erste Schweizer Frau, die sich das Zeug mal richtig angesehen hat. (?) Denn es geht da tatsächlich auch um eine emanzipierte, moderne Frau und ihren Umgang mit dem ’normalen‘ Leben. Dazu gehört – neben Kindern und dem üblichen Alltagskampf – eben auch ein Mann. Jill, in all ihrer weiblichen Herzigkeit meistert das alles mit Bravour und bleibt dabei sie selber, wie Du ja schreibst. Klar, ich bin amerikanischen Fernsehserien sehr angetan (Robin hat noch nicht geantwortet – was soll ich tun?), denn ich habe in so mancher davon entdeckt, was für gescheite Menschen da die Drehbücher – meist im Team – zusammenfeilen. „Home Improvement“ war immer einer meiner Favoriten – die Serie überzeichnet in humorvoller Art (denken wir: Tim Taylor spielt in einer TV-Serie in einer TV-Serie!) das amerikanische ‚Upper-Middle‘ Leben, wie ich es vor Ort kennenlernen durfte. Mir gefällt das – bis auf den dümmlich übersetzten Titel, natürlich.

    Sonntag, Januar 29, 2012 at 10:22 | Permalink
  4. marcel wrote:

    Genau diese Vielschichtigkeit macht für mich den Reiz der Serie aus. Die Lacher, wenn etwas explodiert (und das wird es), das Umgehen mit Problemen, Beziehungen, Freundschaften .. auch heikle Themen werden thematisiert und eine Lösung gefunden. Und obwohl jede Folge in sich abgeschlossen ist, wachsen die Charaktere über die Zeit miteinander. Es ist nicht Tim Taylor allein, alle zusammen machen die Sendung zu einem Ganzen.

    Sonntag, Januar 29, 2012 at 12:18 | Permalink

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