Carte Blanche für Linda B.: X Factor: Der Widerspruch in, um, sowie von Das Bo.

„Was für eine Show!“, dachte ich gestern Abend, als die vierte Live-Show von X-Factor über die Bühne ging. Begonnen hat sie mit ein paar wirklich coolen Acts, einem redseligen David Guetta und einem sprücheklopfenden Moderator. Doch dann endete diese leider mit einer derb falschen Jury-Entscheidung. Aber nun von Anfang an.

Als um 20.15 Uhr der X-Factor-Abend eingeläutet wurde, verfolgte ich gespannt den angeblichen Jurorenzoff, über den in den Medien viel diskutiert und so zusätzlich aufgeheizt wurde. Aber wo war er? Ich spürte nichts, und sehen konnte ich schon gar nichts. Es flogen keine Fetzen, keine Augen wurden ausgekratzt. Nein, es herrschte Friede, Freude, Eierkuchen und alle hatten sich lieb. Oder war das nur gespielt? Sozusagen gute Miene zum bösen Spiel?

Sarah Connors Kleid war nicht besonders vorteilhaft, vor allem um den Hals. Andauernd fragte ich mich, ob sie ihrer kleinen Tochter Flipper, äh Entschuldigung, ich meine Delphine Malou, den grauen Latz geklaut hatte.

Auf jeden Fall hatte David Guetta gute Laune. Er wollte gar nicht mehr aufhören zu reden, verteilte wertvolle Tipps und hinterliess einen sympathischen Eindruck.

Dann endlich eröffneten Nica und Joe die Show. Mit „When Love Takes Over“ von David Guetta feat. Kelly Rowland, welchen sie zu ihrem eigenen Song machten, begeisterten sie nicht nur David Guetta, sondern auch das Publikum und die Jury. Doch Das Bo hat recht, sobald Joe anfängt zu singen, zerstört er mit seinem Gejohle und Gequake die von Nicas wunderschöner Stimme erschaffene Stimmung. Ohne ihn wäre sie besser dran. Marktlücke hin oder her.

Anschliessend kam die wunderhübsche Raffaela Wais, welche permanent verneint, perfekt zu sein. Sie sang „One Love“ von David Guetta feat. Estelle. Schön singen kann sie, hat aber keinen grossen Wiedererkennungswert. Zudem geht mir die aufdringlich gezeigte Freundschaft zwischen ihr und GZSZ-Star Susan Sideropoulos auf die Nerven, besonders dieses überbemühte „sympathisch rüber kommen“ . Entweder man hat es oder man hat es nicht. Aber der Zuschauer soll sich immer noch selbst ein Bild machen dürfen. Nicht eines, dass man ihm aufdrängt.

Dann kam eins der Highlights dieses Abends: Der Gruppensong von Das Bo und seinen vier Kandidaten. „Kids“ verbreitete gute Laune und steckte zum Mitwippen an. Party!

Weiter ging es mit Kassim Auale, welcher „Moves Like Jagger“ von Maroon 5 sang. Die Inszenierung mit den Tänzern und den Neonfarben auf dem schwarzen Hintergrund war genial. Obwohl er nicht alle hohen Töne getroffen hatte, war dies ein sehr gelungener Auftritt mit einem coolen Rap-Part.

Nach Kassim „The Smile“ Auale, wie ihn Das Bo gerne nennt, kam Rufus Martin. Er performte mit neuer Frisur „Closer“ von Ne-Yo. Mir hat es nicht gefallen. Der Song hat irgendwie nicht zu ihm gepasst und die neuen Cornrows liessen ihn irgendwie böse aussehen. Er hatte allen Grund zur Freude, denn sein Vater aus Amerika sass im Publikum und feuerte ihn an. Zudem kann er nicht wirklich mit der Kritik der anderen Jurymitglieder umgehen und muss immer das letzte Wort haben.

Nun noch ein Wort zu dem sehr kreativen Moderator Jochen Schropp. Genauso kreativ und zum Teil dämlich waren seine Überleitungen. Richtig ZDF-mässig. Der Nachfolger von Thomas Gottschalk ist gefunden! Aber noch schlimmer fand ich Janin Reinhardt, welche backstage aus dem X-Room live moderierte. Ihr Lachen wirkt künstlich und aufgesetzt und das Vorlesen der Chatnamen sollte sie besser weglassen. Den Herzschlag („Heartbeat“) der Kandidaten finde ich total unnötig. Ausser natürlich als Kassim Auale ihn präsentierte ;-).

Weiter ging es mit den Schweizer Brüdern Benjamin und Manuel Frei alias BenMan. Mit ihrem Song „Stand By Me“ von Ben E. King konnten sie nicht wirklich punkten. Er war zu langweilig, die Choreographie war zu lasch und über die Stimme möchte ich schon gar nicht erst etwas sagen. Ich bin der Meinung, dass sie gesanglich die schlechtesten sind und das ist offensichtlich hörbar. Eigentlich müssten sie schon längst rausgeflogen sein, wären da nicht die Fans, welche die beiden lieben. Aber ich nehme nicht an, dass der Sender etwas dagegen hat. Denn schliesslich sind die Anrufe aus der Schweiz ein Stück teurer als die aus dem deutschen Inland.

Als nächste sang Monique Simon den Song „Edge Of Glory“ von Lady Gaga, welchen sie zu einem langsamen und gefühlvollen Lied umwandelte. Ihre Stimme hat zwar einen hohen Wiedererkennungswert, trotzdem bin ich kein grosser Fan von ihr. Aus einem unerklärlichen Grund finde ich sie unsympathisch.

Dann kam David Pfeffer. Sein Song: „What Is Love“ von Haddaway. Nicht gerade ein Party-Kracher, und so sang er ihn auch. Mit seinem traurigen Blick verbreitete er bei mir trübe Stimmung. Und dann das grosse Geheimnis um sein Privatleben. Was wohl dahinter steckt? Als er Kelly Clarkson fragte, ob sie Single sei, dann rot wurde und sie im Nachhinein mit den Worten „Sie ist eine nette Frau“ beschrieb, ja, da musste ich lachen. „Nett“ ist ja nicht gerade der Hammer.

Zum Schluss war Martin Madeja dran. Er sang den Hit von David Guetta feat. Sia „Titanium“. Als er das Lied dem Künstler Guetta vorsang, bekam dieser von Martins gefühlvoller Performance sichtlich Gänsehaut. Die tiefen Töne hat er nicht alle getroffen und an seinem Selbstbewusstsein hapert’s allerdings immer noch ein bisschen.

Bevor uns die grosse Entscheidung bevorstand hatte Taio Cruz mit seinem aktuellen Hit „Hangover“ seinen grossen Auftritt. Das Playback hätte er ein bisschen besser einüben sollen. Einige Bewegungen geschahen sichtlich halbherzig. „Hangover“ ist ein cooler Partysong und ein richtiger Ohrwurm. Schade.

Aber nun zur Entscheidung. Nach langem Warten und Zittern stand das Entscheidungsduell zwischen den beiden Kandidaten fest: Kassim Auale und Monique Simon traten gegeneinander an. Beide waren schon einmal in dieser Situation, Monique sogar bereits zweimal. Da Monique Simon erst sechzehn ist und das Gesetz es untersagt, nach elf Uhr aufzutreten, wurde ihr Lied im Voraus aufgezeichnet. „Girls Just Want to Have Fun“ zeigte eine solide Leistung. Dann kam Kassim Auale und sang „Chicago“ ganz gefühlvoll. Sarah Connor entschied sich für Kassim Auale. Till Brönner wählte „mit keiner besonders schlauen Herleitung“ wie er selbst sagte, Monique Simon. Nur damit Mentor Das Bo das letzte Wort haben konnte und somit zum goldenen Zünglein an der Waage wurde. Meiner Meinung nach war Till’s Aktion ziemlich unfair. Und dann das Hin und Her des harten Rappers Das Bo … Schlussendlich entschied er sich für Monique Simon und somit gegen Kassim Auale, den er noch vor wenigen Stunden mit den Worten, er sei eines seiner besten Pferde im Stall, beschrieben hatte. Und Juror Till – wie er so schön sagte – für Kassim Hass empfände, weil er ihn nicht in seiner Gruppe habe. Für mich war diese Entscheidung unfassbar; ich hatte nicht damit gerechnet. Langsam wird die Jury immer unglaubwürdiger. Besser gesagt, sie war es bereits und hat die Ahnung doppelt unterstrichen.

Trotzdem freue ich mich auf die nächste Show. Welche Fehlentscheidungen wird die Jury dann treffen? Wird Justin Bieber mit Windeln, Schnuller und schreiendem Baby im Arm über die Bühne hüpfen und von der sorglosen Liebe singen? Ich bin sehr gespannt.

 

 

tvreal.ch dankt der Gastautorin Linda B. ganz herzlich für ihren Beitrag!