Till Eulenspiegel macht ernst.

Stefan Raab war, so leid es mir tut, ein Idol meiner Teenagerzeit. So wie ich war auch er ein Nerd. Er strahlte das Talent des Vollblutmusikers, des Entertainers aus. Er sah absolut scheisse aus mit seinen rotblonden Locken und dem falschen-Gebiss-Grinsen. Ich mochte ihn gut leiden. Er nervte nicht so sehr wie der aalglatte Frank Elstner, war bewusst trashiger angezogen als Thomas Gottschalk und etwa genau so boshaft wie Rudi Carrell.

Stefan Raab war Kult, Elternschreck und Traumfreund. Jedes Mädchen mit Hornbrille, Spange und Akne wusste, dass er der wahre Märchenprinz war. Er hatte schrecklich schlechten Geschmack, liebte Musik und war definitiv nicht so wie die anderen Jungs mit Schmalztolle und Morten-Harket-Look. Ich vergesse seine Anfänge nicht. Dieter Bürgi, wir haben dich soooo geliebt! Er hat uns Abende in der WG und die Pubertät versüsst!!!

Mittlerweile bin ich Mitte Dreissig, Stefan Raab ist Mitte Vierzig. Er hat mit Lena den Eurovision Song Contest gewonnen und so sein ewiges Hass-Liebe-Idol Ralf Siegel schlussendlich vom ewigen Thron verstossen. Er hat eine eigene Fernsehsendung und erfreut sein treues white trash Publikum mit der Wok-WM und dem Turnspringen. Er ist zwar nicht so etabliert wie Gottschalk, darf dafür im Privatfernsehen ungehindert lästern und spotten. Kürzlich tat er es wieder und ganz Helvetien schrie auf. Er sezierte den Grand Prix der Volksmusik, jenes unsägliche Fiasko alpenländischer Inzestkultur, machte sich über den rheumakranken Stixi, die krebserkrankte Bella Nella und eine ziemlich unansehnliche Autorin lustig und alle lachten (im Geheimen) mit ihm.

Für einen Moment fühle ich mich versetzt in jene Zeiten, als ich unbeschwert und sweet little sixteen über die Wiesen tollte und mich auf Viva freute. Die Zeiten sind definitiv vorbei. Raab ist härter geworden und produziert Humor für eine Generation, die es ok findet, besoffen auf Wehrlose einzutreten und ihnen die Gehirne zu Brei zu schlagen.