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Jedem sein König

Für einmal hatte ich die Gelegenheit, die herrschende Realität des Fernsehens beinhart zu überprüfen. Als Thurgauerin und Fast-Frauenfelderin gelang es auch mir nicht, mich der Faszination des archaischen Älplersports zu entziehen. Seit einigen Tagen gibt es in meiner näheren Umgebung nur ein Thema: Schwingen. Und vielleicht den grössten Pouletgrill der Welt, der 666 Feinschmeckern Nahrung verheisst.

Auf SF2 haben Fans ohne Tickets (die Mehrheit) die Möglichkeit, die wichtigsten Gänge zu verfolgen. Das Schweizer Fernsehen trumpft an diesem riesigen Volksfest ganz gross auf. Da werden stundenlang Kämpfe zwischen stämmig bis dicken Männern übertragen, die sich an übergrossen jutesackartigen Hosen anfassen und herumwirbeln. Schwingen, der neue Volkssport?

Man könnte das doch glatt glauben. Die letzten Wochen kam niemand an den Bösen vorbei. In Schweiz Aktuell, der Tagesschau und vor allem den ganzen Sommer hindurch an den Freitagabenden gab es nur ein Thema: Schwingen. Schwingen. Schwingen.

Mittlerweile weiss einfach jeder, der ein TV-Gerät besitzt, was ein Böser ist, wie er aussieht, was er frisst (ein halbes Kilogramm Käse pro Tag) und dass Schwingen ein ganz krass anstrengender Sport ist. Jeder in Frauenfeld hat auch die Erfahrung gemacht, dass Schwingerfans „ein friedliches Volk“ sind. Ganz im Ernst, dass Schlimmste, was am Schwingerfest passiert ist, war, dass sich ein Besoffener an einer Bierflasche einen Zahn ausschlug. Keine Schlägereien, keine Pöbeleien, keine Anmachen. Frauen mit tiefen Ausschnitten sieht man selten, Turnschuhe sind angeesagt. Vielleicht liegt die friedliche Stimmung auch daran, dass man pro Quadratmeter einen Hüne zählt. Das macht Eindruck. Spargeltarzane und Bodybuilding-Ruinen sieht man hier einfach nicht.

Am Samstagabend dann die Königsgala auf SF. Roman Kilchsperger, Benis Nachfolger als Schnuri der Nation, moderiert die Sendung. Sein BMI ist im Vergleich zu den eingeladenen Schwingerkönigen der vergangenen Jahren lachhaft. Aber er macht das alles ganz gut, lässt sich sogar ins Sägemehl drücken. Er trumpft auf mit Wissen, dass er sich mit mühsamem Studium der letzten zehn Schwingerfeste (und wikipedia.org) angeeignet hat. Und wenn dann Maja Brunner und Bligg auftreten, Lisa Stoll in ihr Alphorn trötet, dann sind alle Anwesenden glücklich und ahnen: Alles wird gut!